Hilfen zur Erziehung/
Heimerziehung

Die Hilfen zur Erziehung sind im SGB VIII in den §§ 27 – 35 gesetzlich verankert, neben der Heimerziehung gehören die Erziehungsberatung, Soziale Gruppenarbeit, Erziehungsbeistandschaft, Sozialpädagogische Familienhilfe, Erziehung in einer Tagesgruppe, Erziehung in Vollzeitpflege (Pflegefamilie) und die sozialpädagogische Einzelbetreuung mit zum Angebot der Erziehungshilfen.

Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform ist in § 34 SGB VIII folgend definiert:

„Hilfe zur Erziehung in einer Einrichtung über Tag und Nacht (Heimerziehung) oder in einer sonstigen betreuten Wohnform soll Kinder und Jugendliche durch eine Verbindung von Alltagserleben mit pädagogischen und therapeutischen Angeboten in ihrer Entwicklung fördern. Sie soll entsprechend dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes oder des Jugendlichen sowie den Möglichkeiten der Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie
1. eine Rückkehr in die Familie zu erreichen versuchen oder
2. die Erziehung in einer anderen Familie vorbereiten oder
3. eine auf längere Zeit angelegte Lebensform bieten und auf ein selbständiges Leben vorbereiten.
Jugendliche sollen in Fragen der Ausbildung und Beschäftigung sowie der allgemeinen Lebensführung beraten und unterstützt werden.“

Wenn heute von Heimerziehung gesprochen wird, geschieht dies oft mit der Beschreibung „Leben an einem anderen Ort“ oder wie in § 34 SGB VIII ausgedrückt ist „Erziehung in einer Einrichtung über Tag und Nacht”. Heime sollen ein lohnender Lebensort für kurze Zeit oder aber auch für eine längere Zeit des Aufwachsens bis hin zur Verselbstständigung sein.
Die Heimerziehung, wie in früheren Zeiten, ist heute nicht mehr anzutreffen, stattdessen ist das Angebot der stationären Hilfen heterogen und komplex, es bietet eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensorte. Heimerziehung kann heute Familienwohngruppe, Schichtdienstgruppe, Außenwohngruppe, therapeutische Intensivgruppe, Wohngemeinschaft, Betreutes Wohnen, Betreutes Einzelwohnen, die Betreuung in Lebensgemeinschaften, Spezialeinrichtung z. B. für Mutter und Kind u.a. sein.

Die heterogenen Formen von Heimerziehung weisen auf eine Vielzahl von Konzepten hin, die zwei Hauptströmungen zugeordnet werden können, dies sind das Konzept der Lebensweltorientierung und das Heim als „pädagogisches Krankenhaus“. Bei letzterem ist das Ziel Verhaltensänderungen beim Kind und Veränderungen im Umfeld (Familie) mit Hilfe therapeutischer und heilpädagogischer Interventionen herbeizuführen. Das Konzept der Lebensweltorientierung in der Heimerziehung bedeutet, sie so zu praktizieren, dass sie von ihren Strukturen, ihren Möglichkeiten und Angeboten, wie im normalen Leben, lebensweltlich realisiert wird. Das Heim als lohnender Lebensort ob für kurze Zeit oder als Ort des Aufwachsens ist an das Konzept der Lebensweltorientierung gebunden; günstige Lebens- und Lernbedingungen sollen die Entwicklungsprozesse der Kinder fördern.

Als wesentliche Indikatoren für stationäre Hilfen von Kindern und Jugendlichen nennt die Forschung meist schwierige sozioökonomische Verhältnisse, Gewalterfahrungen, Suchtproblematik bei den Eltern, längere Krankheit (u. a. Psychiatrieaufenthalte) eines oder beider Elternteile. Häufig resultiert daraus eine Gefährdung des Kindeswohls, die die Inanspruchnahme einer Heimerziehung notwendig macht.

Etwa 60.000 junge Menschen leben in Heimen oder in einer sonstigen betreuten Wohnform, zählt man noch die jungen Menschen dazu, die in Pflegefamilien und intensiver sozialpädagogischer Einzelbetreuung leben, dann verdoppelt sich in etwa die Zahl der jungen Menschen, die außerhalb des Elternhauses leben. Ca. 46.000 Personen sind in der Heimerziehung beschäftigt, davon sind annähernd 70% weiblich. Die Altersstruktur der Kinder und Jugendlichen in der Heimerziehung zeigt, dass die Altersgruppe der 12- bis unter 18-Jährigen die Größte ist, bemerkenswert ist ein Anstieg der unter 6-Jährigen in den letzen Jahren. Weitere Informationen zu den Daten der Heimerziehung und der anderen Erziehungshilfen liefern das Statistische Bundesamt und die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik.

www.destatis.de
www.forschungsverbund.tu-dortmund.de

Die Heimerziehung als die älteste Form gesellschaftlich organisierter Kinder- und Jugendfürsorge wies und weist auch heute noch, trotz aller Modernisierungsprozesse infolge der Heimkampagnen in den 70er Jahren, verschiedene kritische Momente auf. Dazu gehören, z.B. die Ambivalenz von Kontrolle bei gleichzeitigem Hilfeangebot, das Spannungsverhältnis von Individualisierung und Gruppenpädagogik und auch Machtverhältnisse in der Heimerziehung sind nach wie vor Thema. Diese kritischen Aspekte stellen weiterhin eine Herausforderung für die Kinder- und Jugendhilfe dar, zukünftig an diesen Themen zu arbeiten, um die Spannungsverhältnisse für die betroffenen Personen zu verkleinern.

Heimerziehung ist ein umfassendes und komplexes Thema mit vielen Unterthemen, angrenzenden Themen und Schnittstellen mit anderen Arbeitsfeldern, die auf dieser Seite nicht bearbeitet werden können. Dazu gehören auch die Wirksamkeit von Heimerziehung, die Kosten und Finanzierung der Hilfe, professionelles Handeln, Kooperationen mit Schule, Psychiatrie und Jugendamt, Heimer-
ziehung und Jugendstrafrecht, verschiedene Methoden und pädagogische Themen der täglichen Praxis usw.

Weitere Informationen zur Heimerziehung erhalten Sie durch folgende Texte und Links:

Thiersch, H./Finkel, M.: Erziehungshilfen
Bürger, U.: Heimerziehung
Swiderek, T. u.a.: Verspätete Modernisierung, Kurzfassung
Hiller, P.: Kinder in den stationären Hilfen zur Erziehung
HzE Bericht 2011, Nordrhein-Westfalen, erste Ergebnisse
Schwabe, M.: Zwang in der Heimerziehung?
Wolf, K.: Machtstrukturen in der Heimerziehung
Günder u.a.: Reaktionen auf unerwünschtes Verhalten
Höhler, C.: Zwangselemente in der Heimerziehung und ihre Bewertung durch die Kinder und Jugendlichen
DJI Studie: Erziehung zur Freiheit durch Freiheitsentzug

www.difu.de
www.rundertisch-heimerziehung.de
www.heimerziehung.de
www.dji.de/
www.igfh.de/