VERANSTALTUNGEN

geRECHT in NRW unterstützt ein Kinder- und Jugendhilfezentrum in Velbert ein Jahr lang bei der Entwicklung eines Beteiligungs- und Beschwerdemanagements

Von Katharina Henrichs, Mitarbeiterin im Projekt geRECHT in NRW

„Mutig, mutig … Beschweren erlaubt!“ hieß das Jahresmotto, das das Kinder- und Jugendhilfezentrum Haus Maria Frieden in Velbert für das Jahr 2015 gemeinsam mit dem Deutschen Kinderschutzbund (DKSB) Landesverband NRW e.V. ausgerufen hatte.

Was bewegt eine große stationäre Heimeinrichtung und den DKSB LV NRW e.V., ein Jahr lang intensiv mit allen in der Einrichtung lebenden Kindern und Jugendlichen sowie tätigen Pädagogen den Fokus auf dieses Thema zu legen? Neben den Novellierungen durch das Bundeskinderschutzgesetz, das in § 45 SGB VIII Beteiligungs- und Beschwerdemöglichkeiten zur Erteilung der Betriebserlaubnis vorschreibt, verbirgt sich hinter dieser rechtlichen Notwendigkeit vor allem eine breite aktuelle fachpolitische Debatte.

Beteiligung ist ein Kinderrecht

So haben öffentlich gewordene Skandale um Grenzverletzungen, Missbrauch und Gewalt in Heimeinrichtungen und Pflegefamilien in den vergangenen Jahren gezeigt, dass diese keineswegs per se als Schutzräume betrachtet werden können. Auch die beiden Runde Tische „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ und „Sexueller Missbrauch“ betonten in ihren Empfehlungen die Notwendigkeit von Partizipationsmöglichkeiten im Alltag dieser Kinder und Jugendlichen sowie Möglichkeiten, sich zu beschweren.

Damit Kinderrechte, Beteiligung und Beschwerdemöglichkeiten nicht nur wohlklingende Begrifflichkeiten eines pädagogischen Konzeptes bleiben, hat sich geRECHT in NRW als Projekt des Deutschen Kinderschutzbundes in NRW auf den Weg gemacht, gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen, die im Haus Maria Frieden leben, genauso wie mit den pädagogischen Fach- und Leitungskräften diese Inhalte in die Praxis umzusetzen. Dazu haben sich drei Arbeitsgruppen gebildet. die Gruppe der Fachkräfte, die Gruppe der Mädchen und Jungen, die von ihren jeweiligen Wohngruppen zum Sprecher gewählt worden waren, sowie eine kleine Gruppe von jüngeren Kindern. Diese hatten Lust, miteinander an dem Thema zu arbeiten und so dazu beizutragen, dass auch der Blick auf die jüngsten Bewohnerinnen und Bewohner der Heimeinrichtung nicht verloren geht.

Der Grad der Beteiligung hängt vom Alter der Kinder und Jugendlichen ab

In diesen Gruppen thematisierten die Beteiligten kontinuierlich im Laufe des Jahres in Einzel- aber auch übergreifenden gemeinsamen Arbeitstreffen Aspekte, die aus ihrer Sicht für ein Beteiligungs- und Beschwerdekonzept entscheidend sind. So ist in der ersten Jahreshälfte ein besonderer Fokus auf die Möglichkeiten und Grenzen von Beteiligung gelegt worden. Gemeinsam mit den Mädchen und Jungen ist unter anderem eine Beteiligungsleiter erarbeitet worden, die herausstellt, bei welchen Themen sie sich inwieweit tatsächlich beteiligt fühlen. Hier wurde deutlich, dass der Grad der Beteiligung immer eng gebunden an den Entwicklungsstand des Kindes sein sollte, um Über- sowie Unterforderungen zu vermeiden. Dies bedeutet aber auch, dass es in einer Gruppe von Mädchen und Jungen unterschiedlichen Alters, auch ganz verschiedene Möglichkeiten der Beteiligung geben muss.

Ein Beispiel: Wann wird das Taschengeld ausgezahlt?

So warb der elfjährige Paul* in einer gemeinsamen Arbeitssitzung der Gruppensprecherinnen und -sprecher mit den pädagogischen Fachkräften dafür, auch schlechte Erfahrungen in einem gewissen Rahmen machen zu dürfen und nicht vor allem bewahrt zu werden. „Wir Kinder haben auch ein Recht darauf zu scheitern“, so Paul. Ihm ging es darum, sein Taschengeld monatlich ausgezahlt zu bekommen, um so auch von Zeit zu Zeit über größere Geldbeträge verfügen zu können. Bislang war ihm und den meisten jüngeren Kindern das Taschengeld wöchentlich ausgezahlt worden. Die durch eine sehr offene Gesprächshaltung geprägte Gruppe der Pädagogen und Pädagoginnen ließ sich auf Pauls Vorstoß ein und so konnte der Junge in dem für ihn zuständigen Erzieherteam sein Anliegen für sich gut klären und stolz bei der nächsten Sitzung berichten, dass er sich für eine Probezeit mit seinem Anliegen durchsetzen konnte.

Beteiligung trägt zum Schutz der Kinder und Jugendlichen bei

An einem solchen ganz praktischen Beispiel zeigt sich dann eben auch der Gewinn einer partizipativen Kultur einer Einrichtung: sich selbst als wirksam zu erleben, als Subjekt mit eigenen Rechten ernst genommen zu werden und sich aktiv in die eigenen Belange einbringen zu können. Das fördert nicht nur das Selbstbewusstsein sowie die Entwicklung einer demokratischen Grundhaltung, sondern trägt insgesamt zu einer Einrichtungskultur bei, die sich kritisch mit den Machtverhältnissen von Pädagogen und Kindern auseinandersetzt und somit einen entscheidenden Beitrag zu einem wirksamen Schutz von Kindern leisten kann.

Diese Zusammenarbeit wurde auch in der zweiten Jahreshälfte fortgesetzt. Dabei setzten sich die Gruppen zum Beispiel in Rollenspielen damit auseinander, was sie unter einer „Beschwerde“ verstehen wollen, auf welchem Wege das Beschweren derzeit praktiziert wird und wie es zukünftig möglich sein soll. Wie sich herausstellte, war dies ein nicht immer einfaches Thema für die Pädagoginnen und Pädagogen: Sie mussten sich damit auseinandersetzen, was es für sie heißt, wenn sich die Beschwerde eines Kindes oder Jugendlichen gegen ihre Person richtet und wie es trotzdem gelingen kann, einen professionellen Umgang mit diesbezüglichen Ängsten und Sorgen zu finden. Hier erwies sich die Erarbeitung einer Beschwerde-Ampel sowie eines formellen Beschwerdeverfahrens als hilfreich. Dabei konnte sowohl ein transparenter als auch ein verbindlicher, verlässlicher Weg aufgezeigt werden, um Unzufriedenheit und Ungerechtigkeiten respektvoll zur Sprache zu bringen und neue Lösungen zu finden.

Konkrete Arbeitsergebnisse aus dem Haus Maria Frieden können Sie hier herunterladen:

* Name von der Verfasserin geändert